|
AUDIO PROFESSIONAL
Das Magazin für professionelle Audiotechnik
September/Oktober 1998

Signalbearbeitung
Plagiat ohne Reue
Purple Audio MC 76 Limiting Amplifier
Auf dem Markt analoger Studio-Kompressoren mangelt es uns nicht
an Angeboten. Im Geschäft mit der Gain Reduction haben sich - ähnlich wie bei Röhrenmikrofonen - im Lauf der Jahrzehnte ein paar Legenden herauskri-stallisiert.
Dazu zählt zum Beispiel der Fairchild 660/670, der jetzt
in Dänemark unter der Marke "Fairman" nachgebaut
wird. Ein weiterer legendärer Limiter ist Urei's 1176 LN
und seine Stereo-Version 1178. Die Fertigung dieses beliebten
Produkts hat Urei vor etwa zwei Jahren eingestellt. Ein exaktes
Remake des Mono-Limiters gibt es seit 1997 von einer kleinen Firma
namens "Purple Audio" aus New York. Es handelt sich
um eine Kleinserie, und deshalb wird der Purple Audio MC 76 auch
ein wenig teurer angeboten als seinerzeit der 1176. Der deutsche
Vertrieb liegt bei der Kölner Firma Schmitronic, die uns
den ersten hierzulande verfügbaren MC 76 testweise zur Verfügung
stellte.
MARTIN HÖMBERG
Das Gehäuse des MC 76 ist 2HE groß mit einer auffälligen,
psycho-delisch-violetten Frontplatte. Die Ein- und Aus-gänge
sind Übertragersymmetriert,über eine Klinkenbuchse
kann man 2 Geräte Stereo-verkoppeln. Die Input- und Output-Potis
haben Skalen und Knöpfe, wie man sie von Meßgeräten
und Tongeneratoren aus den 60er Jahren kennt. Die Ansprechzeit
des Limiters läßt sich zwischen 20 und 800 Mikrosekunden
variieren, die Rücklaufzeit zwischen 50 ms und 1,1 Sekunden.
Die Skalierung am Gerät stellt allerdings nicht diese Zeitwerte
dar, sondern geht von 1 (langsam) bis 7 (schnell). Dieses Layout
legt es nahe, mit dem MC 76 grundsätzlich intuitiv umzugehen.
Die Kompressions-Ratio ist mit einem Tastenschalter auf vier Verhältnisse
von 4:1 bis 20:1 einstellbar. Das VU-Meter informiert entweder
über die Begrenzung oder den Ausgangspegel.
Sound: Für diesen Beitrag wurde der MC 76 mit zwei Kompressoren und einem
reinen Limiter verglichen Rebis Complimex, SPL Dynamaxx und
Aphex Dominator II. Der grundsätzliche Unterschied zwischen
Kompressoren wie dem Complimex oder dem Dynamaxx einerseits und
dem MC 76 andererseits liegt darin, daß sich die ersten
beiden wie übrigens die meisten Kompressoren, die angeboten
werden in ihrem klanglichen Verhalten geschmacklich variieren
lassen; man kann damit auf der Dynamik-Ebene "stilistisch"
tätig werden. Dies ist mit dem MC 76 (respektive dem Urei
1176) so nicht möglich. Er liefert vielmehr nur eine einzige,
ganz bestimmte Art von Kompression, die sich am besten mit "Verdichtung"
charakterisieren läßt. Diese kann bei kleineren Ratios
subtil sein, aber selbst wenn etwa bei 20:1 weit mehr als
10dB ausgeregelt werden, produziert der MC 76 keinen "Pumpeffekt",
wie man ihn von den meisten Kompressoren kennt (und mitunter auch
zu schätzen weiß). Vom klanglichen Verhalten erinnert
das an einen Röhrenkompressor mit gut ausgelegtem Schaltungsdesign
oder auch an die analoge Bandsättigung. Bei einer Ratio von
20:1 und entsprechend justierten Zeitkonstanten macht der MC
76 annähernd "dicht", das heißt, es gibt
nur noch wenige überschwingende Pegelspitzen. In dieser
Gangart empfand ich eine klangliche Nähe zum Dominator II.
Letzterer ist allerdings per Definition ein unvariabel "brettharter",
finaler 3-Band-Limiter, während der MC 76 auch bei großem
Regelhub immer noch spürbar weicher "in die Knie geht".
Fazit: Wie sein Ursprungsmuster Urei 1176 genießt der Purple
MC 76 seinen Marktwert durch eine ganz besondere Art von Dynamik-Kompression,
die man als mehr oder weniger starke Ver-dichtung des Klangbildes
empfindet. Wer genau diesen Sound sucht, findet wenig Alternativen
zu diesem preislich gehobenen Remake mit dem Charme einer Kleinserie,
denn gebrauchte Urei 1176 werden hierzulande nur höchst selten
zu angeboten.
|